|
In dieser ersten epochen- und länderübergreifenden Gesamtschau der
Stillebenmalerei erschließt ein fundierter Text Entwicklung und Varietät
der Gattung im Kontext der Kunst- und Kulturgeschichte. Durch die malerische
Brillanz der Bilder ein prachtvolles Schauerlebnis!
Stilleben gehören zu den bei Museumsbesuchern beliebtesten, bei Sammlern
begehrtesten und im Handel teuersten Kunstwerken. In den letzten Jahrzehnten
hat die von jeher große Popularität der Bilder endlich auch ein entsprechendes
Echo in der Fachwelt gefunden, das sich in zahlreichen Ausstellungen und
Publikationen zu einzelnen thematischen, regionalen oder künstlermonographischen
Publikationen manifestierte. Auf der Grundlage dieses aktuellen Wissensstandes
wird hier erstmals eine die europäischen Länder sowie die Vereinigten
Staaten umfassende Geschichte der Stillebenmalerei von der Antike bis
in die Gegenwart vorgelegt. Ähnlich wie das Porträt löst sich das Stilleben
allmählich aus dem Kontext religiöser Thematik und des neuen naturwissenschaftlichen
Interesses. Um 1600 vollzieht sich beinahe schlagartig die Emanzipation
zum autonomen Kunstwerk: als Medium ästhetischen Genusses und geistiger
Kontemplation, als moralisierendes Sinnbild oder Reflex bürgerlicher oder
aristokratischer Lebensführung mit dekorativer Funktion. Das Kunststück
besteht darin, die Natur des Sujets täuschend echt wiederzugeben oder
mit malerischen Mitteln neu zu formulieren. Dabei erweisen sich die gedeckten
Tische, Blumen und Früchte, Küchen- und Marktstücke über ihre sinnlichen
Qualitäten hinaus als eine reiche Quelle der Kultur- und Sozialgeschichte,
die uns viel über Geschmack und Lebensgewohnheiten und deren Wandel erzählen
können. Was die künstlerische Bedeutung der Gattung betrifft, so sollte
gerade das simple Sujet des »stillen Lebens« zum malerischen Experimentierfeld
werden – man denke nur an Cézannes Äpfel ! – und auch im 20. Jahrhundert
immer wieder eine programmatische Rolle bei den neuen Konzepten der Avantgarden
spielen. Indem der Text die Bilder in den komplexen Zusammenhängen der
Kunst- und Kulturgeschichte vorstellt und interpretiert, vermittelt er
dem Leser und Betrachter jenes visuelle und intellektuelle Vergnügen,
das ihren Reiz ausmacht: 296 exemplarische Werke aus Museen und Privatsammlungen
in aller Welt sind entsprechend der chronologischen und geographisch untergliederten
Kapitelfolge vollständig, überwiegend in Farbe und ganzseitig abgebildet
und ergänzt um zahlreiche Ausschnitte, die den augentäuschenden Effekt
der Feinmalerei zur Geltung bringen. Alle Farbbilder werden von einem
separaten Legendentext begleitet und sind damit auch separat »lesbar«.
Nicht zuletzt die umfassende Bibliographie im Anhang macht den Band zum
Standardwerk. Sybille Ebert-Schifferer ist Generaldirektorin der Staatlichen
Kunstsammlungen in Dresden und Präsidentin des Deutschen Kunsthistorikerverbandes.
Hirmer
|